Stewardship

Wie Investoren Verantwortung aktiv wahrnehmen

22. September 2026

Wer in Unternehmen investiert, stellt nicht nur Kapital zur Verfügung. Mit einer Beteiligung sind auch Rechte und Handlungsmöglichkeiten verbunden – von der Beobachtung eines Unternehmens über den direkten Dialog bis zur Stimmrechtsausübung und, wenn erforderlich, zur Eskalation.

Genau dieses Zusammenspiel steht hinter Investor Stewardship. Dabei geht es nicht um eine einzelne Maßnahme, sondern um einen strukturierten Prozess: Investoren beobachten ihre Beteiligungen, formulieren Erwartungen, treten mit Unternehmen in den Dialog, nutzen ihre Aktionärsrechte und überprüfen, ob ihre Aktivitäten Wirkung zeigen.

Dr. Alexander Juschus, Partner der Governance & Values GmbH und CEO der gemeinnützigen Organisation STEPS – Stewardship Professionals, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Stewardship und Corporate Governance. Seine Ausführungen zeigen vor allem, wie breit das Instrumentarium institutioneller Investoren tatsächlich ist – und warum gutes Stewardship weit über die Abstimmung auf der Hauptversammlung hinausgeht.

Vom Eigentum zur aktiven Verantwortung

Investor Stewardship ist breiter zu verstehen als Active Ownership. Während Active Ownership vor allem die direkte Beziehung zwischen Investor und Unternehmen beschreibt, umfasst Stewardship auch die übergeordneten treuhänderischen Pflichten und den verantwortungsvollen Umgang mit den verwalteten Vermögenswerten.

Dazu gehört zunächst die kontinuierliche Beobachtung des Portfolios. Investoren müssen Entwicklungen in ihren Beteiligungen verfolgen und beurteilen, wann Handlungsbedarf entsteht. Darauf können weitere Schritte folgen: der Dialog mit dem Unternehmen, die Ausübung von Stimmrechten oder – wenn diese Instrumente nicht ausreichen – eine Eskalation.

Die DVFA-Stewardship-Leitlinien bilden diese Breite in neun Bereichen ab. Dazu zählen unter anderem die permanente Überwachung des Portfolios, Engagement, Eskalation, die verantwortungsvolle Ausübung und Veröffentlichung von Stimmrechten, kollaboratives Engagement, der Umgang mit Interessenkonflikten sowie die sorgfältige Auswahl und Überwachung von Dienstleistern.

Damit wird deutlich: Stewardship ist weniger eine einzelne Aktivität als ein Rahmen dafür, wie Investoren ihre Verantwortung als Eigentümer organisieren.

Instrumente der Investor Stewardship: Monitoring, Engagement, Voting, Transparenz, Eskalation, Rechtsdurchsetzung Monitoring Beteiligungen und Märkte laufend beobachten und Handlungsbedarf erkennen. Engagement Im Dialog Anliegen erläutern und Veränderungen anstoßen. Transparenz Vorgehen, Erwartungen und Ergebnisse nachvollziehbar machen. Voting Stimmrechte auf der Hauptversammlung begründet ausüben. Rechtsdurchsetzung Ansprüche als Anleger, etwa aus Sammelverfahren, kennen und geltend machen. Eskalation Wenn der Dialog nicht weiterführt: Anträge, Proxy Fight, Verkauf. Investor Stewardship Eigentümerrechte informiert und verantwortlich nutzen

Investor Stewardship

Eigentümerrechte informiert und verantwortlich nutzen

  • MonitoringBeteiligungen und Märkte laufend beobachten und Handlungsbedarf erkennen.
  • EngagementIm Dialog Anliegen erläutern und Veränderungen anstoßen.
  • VotingStimmrechte auf der Hauptversammlung begründet ausüben.
  • TransparenzVorgehen, Erwartungen und Ergebnisse nachvollziehbar machen.
  • EskalationWenn der Dialog nicht weiterführt: Anträge, Proxy Fight, Verkauf.
  • RechtsdurchsetzungAnsprüche als Anleger, etwa aus Sammelverfahren, kennen und geltend machen.
Zentrale Instrumente der Investor Stewardship (vereinfacht). Die DVFA-Stewardship-Leitlinien gliedern das Thema in neun Bereiche.
Der Dialog beginnt dort, wo ein Stimmzettel nicht mehr ausreicht

Eines der wichtigsten Instrumente ist das Shareholder Engagement – der direkte Austausch zwischen Investor und Unternehmen.

Warum dieser Dialog notwendig sein kann, zeigt bereits die Stimmrechtsausübung. Wer gegen einen Vergütungsbericht stimmt, kann damit Ablehnung ausdrücken. Aus dem Abstimmungsergebnis allein erfährt das Unternehmen jedoch nicht, welcher konkrete Punkt ausschlaggebend war. Dasselbe gilt etwa für die Ablehnung eines Kandidaten für den Aufsichtsrat.

Engagement kann diese Informationslücke schließen. Investoren können erläutern, welche Aspekte sie kritisch sehen, welche Veränderungen sie erwarten und welche Themen für ihre Entscheidung relevant sind. Voting und Engagement greifen damit ineinander: Die Stimmabgabe setzt ein Signal, der Dialog kann dieses Signal erklären und konkretisieren.

Engagement kann sogar bereits stattfinden, bevor eine Investition besteht. Der Austausch mit einem Unternehmen kann Investoren einen Eindruck davon vermitteln, wie offen die Gesellschaft für einen Dialog ist, wie sie auf Anregungen reagiert und wie sie mit den Anliegen von Investoren umgeht.

Entscheidend ist nicht die Zahl der Gespräche, sondern ihre Qualität

Ein geführtes Gespräch ist allerdings noch kein Beleg für wirksames Stewardship. Gerade hier liegt eine praktische Herausforderung.

Engagement kann zum reinen „Box-Ticking“ werden, wenn Gespräche zwar formal stattfinden, aber weder ausreichend vorbereitet noch auf das jeweilige Unternehmen zugeschnitten sind. Eine Standard-Policy allein reicht nicht aus, wenn sie die konkrete Situation eines Unternehmens nicht berücksichtigt.

Ein strukturiertes Engagement braucht deshalb zunächst ein klares Ziel: Was soll mit dem Gespräch erreicht werden? Welche Themen stehen auf der Agenda? Welche Informationen werden benötigt?

Ebenso wichtig ist die Qualität der Datengrundlage. Veraltete oder fehlerhafte Informationen können nicht nur den Dialog beeinträchtigen, sondern auch die Glaubwürdigkeit des Investors. Aktuelle Daten und eine unternehmensspezifische Vorbereitung gehören deshalb zu den Voraussetzungen eines belastbaren Engagements.

Das gilt auch für kollaboratives Engagement. Wenn mehrere Investoren gemeinsam auftreten, kann dies ihren Einfluss verstärken. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie stark die einzelnen Beteiligten tatsächlich auf Themen, Zielsetzung und Gesprächsführung einwirken. Eine bloße formale Beteiligung schafft noch keinen inhaltlichen Einfluss.

Wirkung entsteht nicht in einem einzigen Gespräch

Stewardship ist zudem kein punktuelles Ereignis. Wer ein Unternehmen auf ein Thema anspricht, sollte anschließend verfolgen, was daraus geworden ist.

Wurde die angesprochene Frage aufgegriffen? Hat sich etwas verändert? Wurden angekündigte Maßnahmen umgesetzt? Oder besteht weiterer Gesprächsbedarf?

Damit bekommt das Follow-up eine zentrale Funktion. Engagement kann sich über mehrere Jahre erstrecken und erfordert eine nachvollziehbare Dokumentation der Entwicklung. Auch Transparenz spielt dabei eine Rolle. Eine Zusage, die ein Unternehmen ausschließlich gegenüber einem einzelnen Investor macht, ist nicht zwangsläufig ausreichend. Sind Informationen für die Aktionäre insgesamt relevant, sollte auch ihre öffentliche Kommunikation berücksichtigt werden.

Engagement als Zyklus: Ziel definieren, Dialog führen, Entwicklung beobachten, Wirkung überprüfen, Nachfassen – und wieder von vorn Engagement als Zyklus Fünf Schritte, die sich wiederholen 1 Ziel definieren 2 Dialog führen 3 Entwicklung beobachten 4 Wirkung überprüfen 5 Nachfassen Erkenntnisse fließen zurück oft über Jahre

Engagement als Zyklus

Fünf Schritte, die sich wiederholen

  1. 1. Ziel definierenWas soll erreicht werden?
  2. 2. Dialog führenGut vorbereitet und unternehmensspezifisch
  3. 3. Entwicklung beobachtenWurde das Anliegen aufgegriffen?
  4. 4. Wirkung überprüfenWurden Maßnahmen umgesetzt?
  5. 5. NachfassenDokumentieren und Gespräch fortsetzen
↻ Und wieder von vornErkenntnisse fließen in die nächste Runde ein, oft über mehrere Jahre.
Was passiert, wenn der Dialog nicht weiterführt

Ein strukturierter Stewardship-Ansatz muss auch berücksichtigen, dass Engagement an Grenzen stoßen kann.

Deshalb gehört zur Vorbereitung die Frage nach der nächsten Handlungsoption. Reagiert ein Unternehmen nicht oder führen Gespräche nicht zum gewünschten Ergebnis, können weitere Aktionärsrechte und Eskalationsinstrumente relevant werden.

Das Spektrum ist breit. Neben der Stimmrechtsausübung können Aktionäre beispielsweise Anträge einbringen oder unter bestimmten Voraussetzungen weitere gesellschaftsrechtliche Möglichkeiten nutzen. Auch ein Proxy Fight kann Teil einer Eskalation sein. Am Ende des Spektrums steht die Möglichkeit, eine Beteiligung zu veräußern.

Welche Instrumente zur Verfügung stehen, hängt allerdings stark vom jeweiligen Markt ab. Aktionärsrechte und Verfahren unterscheiden sich international. Für global investierende Institutionen reicht es deshalb nicht, Stewardship nur aus der Perspektive eines einzelnen Rechts- oder Kapitalmarkts zu betrachten.

Hinzu kommen rechtliche Grenzen des Engagements selbst. Beim gemeinsamen Vorgehen mehrerer Investoren können beispielsweise Fragen rund um „Acting in Concert“ entstehen. Auch mit vertraulichen oder potenziellen Insiderinformationen muss im Dialog sorgfältig umgegangen werden.

Wenn aus Eigentümerverantwortung Rechtsdurchsetzung wird

Eine besonders weitreichende Form der Eskalation ist Securities Litigation, also die rechtliche Durchsetzung von Ansprüchen durch Anleger.

Kommt es beispielsweise im Zusammenhang mit einem Unternehmen zu Unregelmäßigkeiten und daraus resultierenden Verlusten, können für Aktionäre Schadensersatzansprüche entstehen. Für institutionelle Investoren stellt sich dann nicht nur die Frage, ob ein Anspruch besteht, sondern auch, wie dieser im jeweiligen Markt geltend gemacht werden muss.

Gerade international unterscheiden sich die Verfahren. Bei bestimmten US-amerikanischen Class Actions können Anleger grundsätzlich zur betroffenen Gruppe gehören, müssen ihre Ansprüche jedoch korrekt anmelden. In anderen Märkten kann es erforderlich sein, sich aktiv an einem Verfahren zu beteiligen beziehungsweise die eigene Betroffenheit anzumelden, um später an einer Vergleichszahlung berücksichtigt zu werden.

Für international investierende Institutionen entsteht daraus eine weitere Stewardship-Aufgabe: Sie müssen relevante Verfahren im Blick behalten und wissen, welche Schritte erforderlich sind, um bestehende Rechte nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

Securities Litigation verdeutlicht damit besonders gut, wie weit Stewardship reichen kann. Eigentümerverantwortung endet nicht automatisch, wenn Dialog und Stimmrechtsausübung ausgeschöpft sind.

Stewardship als systematischer Prozess

Stewardship verbindet damit unterschiedliche Instrumente, die häufig getrennt betrachtet werden: Portfolioüberwachung, Engagement, Voting, Transparenz, Eskalation und gegebenenfalls die rechtliche Durchsetzung von Ansprüchen.

Der entscheidende Punkt liegt im Zusammenspiel dieser Instrumente. Ein Investor sollte nicht nur wissen, welche Rechte ihm zur Verfügung stehen, sondern auch, wann welches Instrument sinnvoll eingesetzt werden kann, welches Ziel damit verfolgt wird und wie sich die weitere Entwicklung überprüfen lässt.

Vom Beobachten bis zur Wirkung: Beobachten, Erwartungen, Dialog führen, Rechte nutzen, Wirkung prüfen; Erkenntnisse fließen zurück Vom Beobachten bis zur Wirkung Wie die Instrumente der Stewardship aufeinander aufbauen Beobachten Beteiligungen und Entwicklungen prüfen Erwartungen Ziele und Anliegen formulieren Dialog führen Mit Unternehmen in Austausch treten Rechte nutzen Stimmrechte ausüben, Anträge stellen Wirkung prüfen Ergebnisse erfassen und bewerten Erkenntnisse fließen in das weitere Vorgehen ein Dialog fortsetzen, Maßnahmen anpassen oder bei Bedarf eskalieren

Vom Beobachten bis zur Wirkung

Wie die Instrumente der Stewardship aufeinander aufbauen

  1. BeobachtenBeteiligungen und Entwicklungen prüfen
  2. ErwartungenZiele und Anliegen formulieren
  3. Dialog führenMit Unternehmen in Austausch treten
  4. Rechte nutzenStimmrechte ausüben, Anträge stellen
  5. Wirkung prüfenErgebnisse erfassen und bewerten
↻ Erkenntnisse fließen zurückDialog fortsetzen, Maßnahmen anpassen oder bei Bedarf eskalieren.

Gerade dadurch unterscheidet sich ein systematischer Stewardship-Ansatz von einer Sammlung einzelner Aktivitäten. Nicht die Zahl der Engagements oder Abstimmungen ist allein entscheidend. Entscheidend ist, ob Beobachtung, Dialog, Stimmrechtsausübung und mögliche Eskalation aufeinander aufbauen.

Stewardship bedeutet in diesem Verständnis, Eigentümerrechte nicht lediglich zu besitzen, sondern sie informiert, strukturiert und verantwortungsvoll wahrzunehmen.

Stewardship-Kompetenz gezielt vertiefen

Der Certified Stewardship Professional (CSP) vermittelt fundiertes und praxisorientiertes Wissen für die aktive Wahrnehmung von Eigentümerrechten. Inhaltlich reicht das Programm von Corporate Governance und rechtlichen Rahmenbedingungen über Engagement-Strategien, Voting und Aktionärsrechte bis zu ESG-Integration, Reporting und Transparenz.

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